Erdgas in der Energie-Kriegswirtschaft

Erdgas in Europa ist direkt von den wirtschaftlichen Auswirkungen des Russland-Ukraine-Krieges betroffen. Die jahrzehntelange Gewissheit, Russland sei ein zuverlässiger Lieferant, ist zerstört.

Etwa 50% des Erdgases in Deutschland stammen aus Russland und sind kurzfristig nicht vollständig zu ersetzen. Bei einer Lieferunterbrechung durch technische Störungen, Sanktionen oder Gasboykott droht ein Gasmangel – europaweit.

Die Politik hat bereits vier Notfallmaßnahmen eingeleitet:

  1. Der Bundeswirtschaftsminister hat die von Gazprom-Tochtergesellschaften betriebenen großen Gasspeicher in Deutschland unter Zwangsverwaltung gestellt, um eine Befüllung vor dem Winter sicherzustellen. Ob diese Speicher gefüllt werden können und zu welchem Preis – sei es mit Tankergas aus Katar oder aus anderen Lieferquellen –, ist offen.
  2. Die Bundesnetzagentur bereitet Industrieabschaltungen vor. Energieintensive Betriebe, die nicht systemrelevant sind, werden im Falle eines Gasnotstandes gedrosselt oder ganz heruntergefahren. Somit bleibt mehr Gas für Haushaltskunden oder kritische Infrastruktur (z.B. Krankenhäuser). Hinter den Kulissen wird heftig gestritten, wer systemrelevant ist, und welche Industrien wirklich abgeschaltet werden können.
  3. Der Bundeswirtschaftsminister ruft die Bevölkerung zum Energiesparen auf: 10% solle eingespart werden. Mit etwa 2 Grad niedrigerer Raumtemperatur wäre dies beim Heizen erreichbar. Eine technische Rationierung funktioniert jedoch nicht, weil Gaszähler von Haushaltskunden nicht rationier- oder begrenzbar sind. Die Verbraucher können aus dem Netz beliebig Gas und Strom ziehen.
  4. Der neue Chef der Bundesnetzagentur und ehemalige Chef der Verbraucherzentralen ruft Energieversorger auf, die monatlichen Abschläge zu erhöhen, um Nachzahlungsschocks für Verbraucher am Jahresende abzufangen. Zusätzlich sollen Verbraucher bereits jetzt hohe Knappheitspreissignale spüren und so zum Einsparen motiviert werden. Aber aus Angst vor unseriösen Vorkasse-Bonus-Billigversorgern hatten Verbraucherzentralen vor Abschlagserhöhungen bisher gewarnt.

 

Wie sind BürgerGas und seine Kunden davon betroffen?

BürgerGas hat fast nur Haushaltskunden, die selbst in einem Gasnotstand immer versorgt werden müssen. Doch für den Energieversorger bleibt das Problem: Er ist auf den guten Willen der Verbraucher angewiesen, dass diese freiwillig 10% oder mehr einsparen.

Verbraucher stellen sich allmählich auf steigende Preise und Klimaschutz ein: Anschaffung von energiesparenden Elektrogeräten, energetische Sanierung des Hauses oder Umstellung des Energieträgers in der Hausheizung. Die Einsparungen bewegen sich zwischen 1 und 3% pro Jahr in normalen Renovierungszyklen.

Wir glauben jedoch, dass unsere Kunden bereits viele Einsparpotentiale ausgeschöpft haben: Sei es aus Klimaschutzgründen, wegen ordentlicher Heizungswartung oder schlicht einem bescheidenen Lebensstil. Zusätzliche 10% sind dann schon schwieriger zu erzielen.

Ein überdurchschnittlich kalter Winter kann zudem 10% Mehrverbrauch bedeuten, sodass selbst größere Einsparungen nicht ausreichen. Bei einem echten Gasmangel werden diese zusätzlichen Wintermengen unbezahlbar. Der Energieversorger kann nicht mehr vernünftig kalkulieren: Er kann die Verbrauchsmengen nicht rationieren, und er muss das zusätzlich benötigte Gas zum beliebig hohen Preis kurzfristig beschaffen. Und wenn es kalt wird, dann brauchen alle gleichzeitig mehr Gas: Es kommt zur Kaufpanik. Je höher der Verbrauch des Kunden, desto höher das Risiko.

Für große Verbrauchsmengen einzelner Kunden sind die Risiken daher nicht mehr tragbar.

 

Hamsterkauf als Lösung?

Energieversorger könnten nun mehr kaufen, als für einen Durchschnittswinter erforderlich ist. Auch BürgerGas könnte dies tun. Das Problem ist, dass Hamsterkäufe zu absurden Preisen, zusätzlichen Knappheiten und ungleichen Verteilungen führen. Kurz: Diese Hamsterkäufe führen zu weiteren Risikozuschlägen für die Versorger. Zudem ist unsicher, ob die zusätzlichen Mengen – selbst wenn sie vertraglich vereinbart sind – zu 100% rechtzeitig geliefert werden können.

BürgerGas hat die bisherigen Wintermengen sichern können, für Zusatzmengen ist der Risikozuschlag jedoch extrem.

Sollte es zu einem überdurchschnittlich kalten Winter und einer Gasknappheit kommen, wird BürgerGas seine Kundinnen und Kunden aufrufen, aus Solidarität einzusparen. Aus Solidarität gegenüber den Mitbürgern, gegenüber dem Lieferanten, der nur begrenzte Mengen anbieten kann, wegen Klimaschutz sowieso, und vielleicht auch als Demonstation, in der Kriegswirtschaft auf Bequemlichkeit zu verzichten.  

 

Volkssport Versorgerwechsel als zusätzliches Risiko

Leider ist es durch politisch übertriebene Liberalisierung der Energiemärkte zu Kurzfristorientierung sowohl von Verbraucherseite als auch vonseiten der Versorger gekommen. Politik und Verbraucherverbände haben Marktverwerfungen durch Billiganbieter provoziert, indem sie zum regelmäßigen Wechsel zum billigsten Anbieter aufgerufen haben. Dieses Geschäftsmodell hat sich in den letzten Jahren noch verstärkt, da Wechselportale den Markt weiter angeheizt haben.

In den vergangenen Jahren hat dies immer wieder zu spektakulären Austritten von Billiganbietern wie Teldafax, Flexstrom, BEV usw. geführt, die sich verspekuliert hatten. In normalem Marktumfeld, so die Hoffnung der Politik, würde sich dies bereinigen.

Gleichzeitig zwingt die Politik die Versorger jedoch zu kurzfristigem Handeln: Verbraucherverträge sollen per Gesetz monatlich kündbar sein, um den regelmäßigen Wechsel anzuregen.

Das Befeuern dieser Wechsel- und Billigmentalität rächt sich in der gegenwärtigen Kriegswirtschaft besonders. Denn es bedeutet für alle Versorger ein zusätzliches Risiko: Den hohen Rekordbeschaffungspreisen für Gas steht das Wechselrisiko des Kunden gegenüber. Was, wenn der Kunde, für den der Versorger teuer eingekauft hat, bei der nächsten Gelegenheit zum Billiganbieter wegspringt? Das lässt die Risikozuschläge nochmals steigen.

BürgerGas hat zwar überdurchschnittlich treue Kundinnen und Kunden, doch leider schlägt das Gesamtrisiko der Branche auch auf die seriösen Marktteilnehmer durch.

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